Der erste Traum

Mein Kopf brummt. Die Luft scheint zu sirren und die Umgebung beginnt zu schwanken. Nur eine kurze Pause, sage ich mir. Tief ein- und ausatmen. All die Geräusche ausblenden. Dann schließe ich die Augen. Es wird dunkel und ruhig. Stille umgibt mich. Nur mein leises Atmen ist zu hören. Und eine Stimme. Sie sagt meinen Namen. Da ich den Besitzer dieser Worte nicht warten lassen möchte und er sich zudem etwas besorgt anhört, schlage ich die Augenlider wieder nach oben und blicke in das Gesicht eines Fremden. Er hat die Stirn in leichte Falten gelegt und sieht mich fragend an. Natürlich, er wartet auf eine Antwort. Eine Antwort auf was? „Verzeihung?“, erwidere ich deshalb und hoffe, dass er seine Frage wiederholt. „Geht es Ihnen gut, Commander?“ Jetzt liegt es an mir ihn schief anzusehen und mich zu fragen, was er damit meint. „Ja“, antworte ich. „Was ist denn los?“ Kurz muss ich überlegen, ob er mir bekannt vorkommt. Kenne ich ihn? Offensichtlich kennt er mich. Doch als er anfängt die Situation zu schildern, ist dieser Gedanke schnell wieder verschwunden. „Die Sensoren haben Unregelmäßigkeiten im Asteroidenfeld entdeckt. Es scheint, als würde von irgendwo im Inneren des Feldes ein Impuls ausgehen, der von Minute zu Minute stärker wird. Wenn wir nicht herausfinden, wer oder was ihn verursacht, könnte er die Außenhülle unseres Schiffes zerreißen. Uns bleibt nicht viel Zeit.“ Mein Kopf neigt sich zu einem Nicken und ohne lange zu überlegen, eile ich zusammen mit diesem Mann einen beleuchteten Gang entlang. Kribbelnde Erwartung macht sich in mir breit. Man könnte es schon fast Vorfreude nennen. Es ist seltsam hier zu sein. Ich kann mich nicht daran erinnern jemals an diesem Ort gewesen zu sein und doch fühlt er sich vertraut an. Zwei Minuten und eine Fahrt im Turbolift später biegen wir in einen großen Raum ab, wo ich zunächst abrupt stehen bleibe und mich umsehe. Viele elektronische Geräte. Große, metallene Kisten, die aussehen wie kleine Container. Es scheint allerdings nicht, als seien sie zum Wohnen gedacht. Das beeindruckenste allerdings ist die Wand mir gegenüber. Sie besteht fast vollständig aus Glas und dahinter befindet sich das Asteroidenfeld, welches der Mann eben erwähnte. Wir befinden uns also im Weltraum! Vollkommen überwältigt kann ich nur dorthin schauen, wo sich die große Leere gefüllt mit unendlich kleinen – klein im Vergleich zum Rest dazu – Steinen in meinem Sichtfeld aufbaut. „Commander!“, kommt der Ruf aus einer Ecke. Einen letzten Atemzug genieße ich den Ausblick noch, bevor ich blinzele und mich wieder der Arbeit zuwende. Commander? Das sagt er nun schon zum zweiten Mal. Mit einem Blick nach unten bemerke ich die Uniform, die ich trage, und streiche vorsichtig mit der Hand über die Falten. Wann habe ich mich umgezogen? Der Stoff fühlt sich angenehm weich an. Das hübsche, leuchtende Rot gefällt mir. Mit einem Lächeln wende ich mich einer der Konsolen an der Wand zu und ernte einen skeptischen Blick von der Seite. „Darf ich fragen, was Sie so erfreut, Commander?“ Mein Lächeln wird umso breiter. Es ist absurd. Das Schiff und alle Passagiere sind in Gefahr und ich muss anfangen zu lachen. „Dürfen Sie, wenn ich die Antwort selbst kennen würde“, antworte ich ehrlich. „Vielleicht weiß ich, was passieren wird und möchte nicht, dass es endet.“ Ein schockierter Ausdruck landet auf seinem Gesicht und mein Lächeln erlischt. Das habe ich nicht gewollt. „Entschuldigung. So war das nicht gemeint. Ich … Manchmal sollten wir einfach nicht so viel über das nachdenken, was wir alles falsch machen könnten.“ Nicht, dass ihn das beruhigt. Aber hoffentlich verdrängt das den Verdacht, dass ich etwas mit diesem Vorfall zu tun haben könnte. Was mich erneut lächeln lässt, weil das tatsächlich ziemlich absurd ist. Seit wann kann ein Mensch ein Asteroidenfeld lenken? Erschütterungen werfen mich zu Boden. Das Metall unter mir vibriert. Im Hintergrund höre ich ein Knirschen. Metall knirscht für gewöhnlich nicht. Um mich herum ist inzwischen geordnetes Chaos ausgebrochen. Leute laufen herum, rufen sich gegenseitig Befehle und Hinweise zu. Meine Aufgabe ist unwichtig geworden. Als ich auf den Boden geworfen wurde, bin ich unsichtbar geworden. Niemand beachtete mich noch. Vorsichtig stehe ich wieder auf und sehe mich um. Dann entdecke ich die Ursache des Knirschens und für einen kurzen Moment stockt mein Herz. Meine Füße machen einen Schritt nach dem anderen und bewegen mich durch den Raum auf die Glaswand zu. Den Blick nicht von dem Riss abwendend, der sich in der Front gebildet hat.

Ich wusste genau, was passieren würde! Wieso habe ich mich dafür entschuldigt? Weil ich niemanden von ihnen retten kann? Der Riss wird größer, bald überzieht er die Hälfte der Glaswand. Dann erreicht er den Rand. Instinktiv halte ich die Luft an, sehe wie der letzte Schutz zwischen mir und dem Vakuum zusammen bricht und verliere den Halt unter den Füßen. Der Sog zieht mich nach außen, wirbelt meinen hilflosen Körper herum. Wenn du stirbst, denkst du an all die verpassten Gelegenheiten, sagen sie. Das ist eine Lüge. Ich kann nur daran denken, wie es ist zu fliegen. Muss die Schönheit um mich herum bewundern. Das tiefe Schwarzblau, gesprenkelt mit hellen Lichtpunkten. Mit ausgebreiteten Armen treibe ich schwerelos dahin und kann mich nicht mehr bewegen. Träume. Das ist das Geheimnis des Universums. Es hält Träume bereit und gibt sie uns, wenn wir bereit dafür sind. Ich bin bereit. Also schließe ich erneut die Augen und höre nur darauf wie auch das letzte bisschen Luft aus meinen Lungen entweicht. Der zunehmende Druck spielt meinen Sinnen einen Streich, setzt ein seltsames Geräusch in meine Ohren, als würde ein Müllwagen an mir vorbei fahren. Ein sehr nerviger, blauer Müllwagen. Im Augenwinkel erkenne ich noch ein Flackern wie von einer sich drehenden Lampe. Es wird wärmer. Sollte es nicht eigentlich kälter werden? Schon wieder habe ich das Gefühl angeschrien zu werden. Direkt neben meinem Ohr … Ein Schock fährt durch meinen Körper, als ich merke, dass meine Lungen funktionieren. Sie atmen Luft. Wunderbare, reine Luft! Ruckartig setze ich mich auf und stoße beinahe mit einem zerzausten Kopf zusammen. Wir beide schreien kurz auf, starren uns an und während ich hektisch weiter atme und keinen blassen Schimmer habe, was hier eigentlich los ist, atmet er erleichtert auf und fängt auch noch an zu grinsen. Ich befinde mich eindeutig nicht mehr im Weltraum. Rundherum sind geschlossene Wände und … eine ganze Menge Knöpfe und Schalter. Es sieht ein wenig aus wie das Raumschiff, das gerade zerbrochen ist. Aber wie bin ich hierher gekommen? „Oh! Gut, dass du wach bist! Ich dachte schon, sie hätten dich entsorgt.“ Entsorgt? Wen? Warum? Der Kerl redete wirr. Ob er ein Verrückter ist? Vorerst sehe ich ihn weiterhin stumm an. Er redet sowieso weiter. „Mal sehen. Mensch. Aus dem Jahre 2256. Hübsche Uniform. Bordeaux Rot würde ich sagen. Nein, ein wenig heller. Was verschlägt dich in diese Gegend?“ Soll ich ihm antworten? Ich kenne ihn überhaupt nicht! Aber … er hat mir vielleicht das Leben gerettet. Langsam erhebe ich mich und erhalte so einen besseren Blick über meine neue Umgebung. Mein Gegenüber wartet geduldig und bedenkt mich mit einem aufmerksamen Blick. Zu aufmerksam nach meinem Geschmack. Also starre ich einfach zurück. Was ihn recht wenig zu kümmern scheint. „Bin auf der Durchreise“, entgegne ich knapp und stelle eine Gegenfrage. „Was ist das hier? Sieht nicht aus wie ein Müllwagen.“ Damit habe ich ihn scheinbar erwischt, denn der Mann plustert sich auf und fängt an wild mit den Armen in der Luft herum zu wedeln. „Müllwagen!?“, empört er sich laut. „Das hier … ist viel mehr als nur ein Müllwagen! Außerdem ist der Anstrich von außen blau und nicht orange.“ Ahja. Dann wäre das auch geklärt. Und weil er nun ebenso schnell zur Ruhe kommt, wie er sich zuvor aufregte, und mich erneut ausgiebig beobachtet, senke ich den Blick und bin froh etwas anzuhaben. Zudem etwas bequemes in einem sehr hübschen Rot. Vielleicht sollte ich sowas öfter tragen. „Auf der Durchreise wohin?“, fragt er schließlich und knüpft wieder an das Gespräch an. Wohin? Was für eine Frage! „Nach … ehm …“ Lass mich eben überlegen. „Du hast es doch nicht vergessen oder?“ Jetzt kommt er näher, zückt einen kleinen Stab und wedelt damit vor mir herum. Das ertönende Surren verwirrt mich. „Seltsam. Sehr interessant“, murmelt er nach einem Blick auf das Gerät. „Hast du Albträume? Halluzinationen? Oder so ein ätzendes Jucken im Gesicht?“ Erwähnte ich schon, dass die Situation ziemlich absurd ist? „Nein. Nein. Und Nein! Ich habe alle Impfungen erhalten und bin kerngesund. Kann ich nicht einfach nach Hause?“ Ich muss stocken. Da will ich also hin! Nach Hause. Und dann breitet sich urplötzlich eine tiefe Traurigkeit in mir aus. Ich fühle mich einsam. Von der freudigen Aufregung keine Spur mehr. Der Mann schaut mich eingehend an und fragt: „Bist du das nicht längst?“ Er hat recht. Wie soll ich wissen, ob ich mich nicht schon zuhause befinde, wenn ich erst gar nicht weiß, wo ich mich überhaupt aufhalte? Hinter meiner Stirn beginnt es zu pochen und ich reibe mir über die Augen. „Ich möchte nur ein paar Antworten“, kommt das Murmeln aus meinem Mund. Ich werde müde, also setze ich mich zurück auf den Boden. Kaum habe ich mich nieder gelassen, scheint die Schwerkraft noch mehr an mir zu ziehen. „Warum bist du hier? Hast du dich verlaufen?“ Habe ich das? Ich weiß es nicht. Alles, was ich möchte, ist mich hinlegen und schlafen. Also schließe ich die Augen, lasse seine Stimme an mir vorbei ziehen und lasse mich zurück in die Dunkelheit fallen.

Wind streicht über meine Haut und weht mir die Haare ins Gesicht. Und als ich die Augen öffne, stehe ich auf einer Wiese. Die rote Uniform wurde gegen Hose, T-shirt und eine Jacke ersetzt. Ich lege den Kopf in den Nacken, blicke nach oben und erinnere mich. Erinnere mich an all meine Träume. An die Gelegenheiten und Wünsche. Dann vergrabe ich die Hände in den Jackentaschen und setze meinen Weg mit einem Lächeln fort. Irgendwann werde ich zurück kehren. Irgendwann werde ich wieder träumen.

 

1653 Wörter

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